Vor vielen Jahren schrieb der Waidhofner Stadtdtichter Fred Eichleter ein langes Gedicht über eine Mostviertler Begebenheit – Über das „Kerznweiberl“ vom Sonntagberg. Er hat es nach den „alten Erzählungen in seiner Heimatgemeinde Sonntagberg – Böhlerwerk“ in volksverständlicher Gedichtsform geschrieben.

2020 entdeckte der Kulturkreis Freisingerberg ein Buch vom Seitenstettner Prof. Üblacker – der Bild und Geschehen nach wissenschaftlicher Arbeit beschrieb.
Er nannte die Frau, welche wohl im 30 jährigen Krieg geboren wurde als „Wachskerzlerin“

Und so war mitten in der „Coronazeit“ die Möglichkeit gekommen, dieses Gedicht von Fred Eichleter zu veröffentlichen. Mit Bildern von Karl Piaty (geb. 1910 – gestorben 1989) und Karl Piaty (geb. 1948) wurde das volksnahe Gedicht bebildert – und zu Lichtmeß 2021 veröffentlicht. (siehe Titelbild)

Das Kerzenweiberl vom Sonntagberg
von Fred Eichleter

Am Sonntagberg, du kennst ihn doch,
wo stolze Türme stehn,
die mit barocker Lebenspracht
hinein ins Ybbstal sehn,
da hat sich einst in alten Tagen
was ich erzähl` jetzt, zugetragen!

Ein Weib, zerbrechlich und betagt,
verkaufte fest und unverzagt,
am Kirchentor kaum wahrnehmbar
an jeden Sonntag übers Jahr
getreu und brav, mit off`nem Herzen,
den Messbesuchern weiße Kerzen.

Jahrzehnte stand das Weiberl da,
was es erlebte, was es sah,
hat in den langen Lebensjahren
kein Erdenmensch von ihm erfahren!
Nur manchmal lächelte es leise
und diente auf bescheid`ne Weise,
mit frommen Herzen, gläubig, gern,
dem Allerhöchsten, Gott, dem Herrn.

Egal, ob es im Winter stürmte,
ob eine Wolke schwarz sich türmte,
ob Winde übern Bergkamm fegten
ob Nebelschleier grau sich legten
oder der Himmel, blau gemalt,
mit einer grellen Sonne prahlt,
…stets nah beim Stiegenwerk zum Chor
stand s`Weiberl still am Kirchentor.

Doch plötzlich, um die Weihnachtszeit,
am Morgen hat es frisch geschneit,
war niemand mehr beim großen Tor.
Obwohl ein Messbesucher schwor
dass dort ein dunkler Schatten schleicht,
ein Schatten, der dem Weiblein gleicht
und beinah´ wie ihr Ebenbild
ein Kerzlein in den Händen hielt!

Man fand sie um die Mittagsstund`,
ein Lächeln lag auf ihrem Mund,
sie lag so still und gottergeben!
Genauso still, wie einst im Leben,
das sie von ihrem Herrn empfangen,
war sie von dieser Welt gegangen!

Und viele Menschen trauerten,
sie weinten und bedauerten
das Weiblein, das kaum Beifall fand,
wenn es in seiner Nische stand.

Man legte es in einem Sarg,
das Leichentuch war grob und karg
und der Kaplan bestimmte dann,
er war ein mitleidsvoller Mann, –
das Weiblein mög im Totenschrein
doch jener Stelle nahe sein,
wos nach erfüllter Lebensfahrt
getreu so lange ausgeharrt.

Die Kirchengruft ist eng uns schmal,
die Wände nass und grau und kahl,
ein Lichtlein spendet Dämmerschein
und prunkvoll, oft aus Marmorstein
die Ruhestätten der Prälaten,
denn jene, die sie hier bestatten,
sind Menschen, die in unsrer Welt
einst angesehn und hoch gestellt.

Ganz hinten fand im letzten Eck
sich für das Weiblein ein Versteck,
verstaubt, verfallen, ungepflegt!
Der Brettersarg wurd abgelegt,
ein Kreuz geschlagen, angemessen,
und dann wars Weiblein schon vergessen.

Jahrzehnte gingen übers Land!
Durch Schicksalsuhren lief der Sand,
oft turbulent, oft still und leis,
so mancher Jüngling wurdzum Greis
und auch so manche junge Maid
wurd zahnlos durch den Lauf der Zeit!

Man suchte weiter Gott, den Herrn!
Und Menschen, die von nah und fern
zur Sonntagberger Kirche kamen,
die machten sich nach frommen „Amen“
gestärkt im Glauben, flink und reg
nach Hause wieder auf dem Weg,
so wie Jahrzehnte all die andern,
die gläubig sich den Berg erwandern.

Und irgendwann stieg wer hinab
ins düstre, dunkle Priestergrab,
und suchte dort, wies üblich ist
für einen, der als wahrer Christ
verloren hat sein Menschenkleid,
ein Platzerl für die Ewigkeit!

Man schaut sich in den Grüften um.
So viele liegen starr und stumm
im Herzen der Basilika
verrottet und vermodert da.
Zwar deckt sie gnädig Marmorstein,
doch spürt man das Vergänglich sein
bei dieser gräulichen Visite
tief unten dort mit jedem Schritte!

Doch plötzlich fällt der Fackelschein
auf einen hölz`nen Totenschrein,
der einsam, morsch und ganz verdreht
alleine in der Ecke steht,
zerbröckelt durch den Zahn der Zeit
in ewig langer Dunkelheit.

Der Herzschlag des Besuchers rast,
er atmet rasch und er erblasst!
Er sieht im lodernd hellen Licht
in ein verhutzeltes Gesicht,
sieht Wangen, rosarot und rund,
mit einen vollen, festen Mund,
ein Weiblein halt, das sich nicht regt,
weil`s sich zum Schlafen hingelegt.

„Ein Wunder ließ der Herr geschehn,
man hat es in der Gruft gesehn“,
so schallt es bald vom Sonntagberg
und jeder kleine Menschzwerg
war in der Seele tief betroffen!
Ein Sehnen, Fühlen, Bangen, Hoffen
ging durch die gläubig fromme Schar,
noch mehr als es seit jeher war.

„Der Herr hat ihren Leib erhalten!“,
erzählt man sich mit Hände falten,
die Treue, die in ihr gewohnt,
hat er auf seine Art belohnt,
ihr Körper blieb ,von uns verehrt,
für alle Zeiten unversehrt.

Man bettete das Weiblein scheu
in einen Sarg, der frisch und neu,
zeigt es der frommen Pilgerschar
so cirka alle fünfzig Jahr
und immer dann, bemerkenswert,
ists Weiblein völlig unversehrt!

So sagt , und nun bin ich am Ende,
der Volksmund oder die Legende
und wer nicht glaubt ans Wunderbare,
…der warte einfach fünfzig Jahre!

Fred Eichleter und Karl Piaty schreiben, fotografieren und erstellen die neuen „Pitzi“ Bücherl aus dem Mostviertel
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