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Ahnengalerie

Vom gemalten Porträt zur künstlichen Intelligenz,
eine Ahnengalerie im Wandel der Zeit

Zu den wichtigen historischen Quellen über Menschen vergangener Zeiten zählen seit jeher ihre bildlichen Darstellungen. Statuen, Büsten, Münzen, Gemälde und später Fotografien vermitteln uns etwas, das schriftliche Dokumente allein nicht können:
Sie geben einem Namen ein Gesicht.

Lebensnahe Porträts sind keineswegs eine Erfindung der Neuzeit. Schon die Griechen und besonders die Römer hinterließen erstaunlich individuelle Darstellungen von Herrschern und bedeutenden Persönlichkeiten in Form von Büsten, Statuen und Münzen. Nach Jahrhunderten, in denen in Europa vielfach stärker typisierte und symbolische Darstellungen vorherrschten, gewann das unverwechselbare Gesicht des einzelnen Menschen während der Renaissance wieder entscheidend an Bedeutung.

Vor allem das 15. Jahrhundert wurde zum ersten großen Zeitalter der europäischen Porträtkunst seit der Antike. Nun sollte ein Bild nicht mehr bloß einen Fürsten, Geistlichen oder Stifter darstellen – der Betrachter sollte nach Möglichkeit auch erkennen können, welcher konkrete Mensch vor ihm steht. Künstler wie Donatello, Botticelli, Giovanni Bellini oder Antonello da Messina prägten diese Entwicklung.

Im 16. und besonders im 17. Jahrhundert wurde die Porträtmalerei schließlich zu einer hohen Kunstform. Namen wie Tizian, Anthonis van Dyck, Diego Velázquez, Peter Paul Rubens und Rembrandt van Rijn stehen dafür. Gerade Rembrandt beschäftigte sich außergewöhnlich intensiv mit dem Menschen „nach dem Leben“. Seine Porträts zeigen nicht nur Gesichtszüge, Kleidung und gesellschaftlichen Rang, sondern versuchen auch Ausdruck, Stimmung und Persönlichkeit einzufangen.

Damit entstand über Jahrhunderte jene Tradition, die wir heute aus Schlössern, Rathäusern, Universitäten und öffentlichen Institutionen als Ahnengalerie kennen. Bürgermeister, Landesherren, Rektoren oder andere Amtsträger wurden für die Nachwelt festgehalten. Kleidung, Haltung, Orden und Amtsketten unterstrichen dabei die Würde der jeweiligen Funktion.

Doch bei aller Repräsentation blieb eine Aufgabe unverändert schwierig:
Wie hält man nicht nur das Aussehen,
sondern auch den typischen Ausdruck eines Menschen fest?

Ein gutes Porträt soll schließlich mehr sein als die korrekte Anordnung von Augen, Nase und Mund. Es soll beim Betrachter möglichst unmittelbar das Gefühl hervorrufen:
Ja, genau so kenne ich diesen Menschen.

Das war für Maler nie einfach. Wer für ein Gemälde Modell sitzt, muss über längere Zeit eine bestimmte Haltung einnehmen. Gerade jene flüchtige Mimik, die einen Menschen im Alltag unverwechselbar macht – ein bestimmter Blick, ein leichtes Lächeln, eine spontane Freundlichkeit –, lässt sich nicht beliebig lange festhalten.

Die Fotografie veränderte deshalb im 19. Jahrhundert die Möglichkeiten des Porträts grundlegend. Sie konnte einen Augenblick festhalten. Heute können Kameras sogar innerhalb eines Sekundenbruchteils genau jenen Gesichtsausdruck bewahren, der vielleicht nur ganz kurz vorhanden war.

Und im Jahr 2026 kommt eine weitere Möglichkeit hinzu: künstliche Intelligenz.

Daraus entstand beim Kulturkreis Freisingerberg eine interessante Frage: Warum sollte man die Möglichkeiten unserer Zeit nicht einmal mit einer jahrhundertealten Tradition verbinden?

Administrator Karl Piaty sen. verfügt über eine besonders geglückte, ungestellte Fotografie seines einstigen Bürgermeisters Wolfgang Sobotka. Gerade weil diese Aufnahme nicht für ein offizielles Porträt inszeniert worden war, zeigt sie Gesichtszüge und Ausdruck in einem natürlichen Augenblick.

Dieses Piaty-Foto wurde nun der künstlichen Intelligenz als Grundlage gegeben – mit einer ungewöhnlichen Aufgabe: Aus einer modernen fotografischen Momentaufnahme sollte ein Porträt entstehen, das sich in seiner Anmutung an die klassische Tradition alter Amts- und Ahnengalerien anlehnt.

Damit treffen drei Epochen aufeinander:

die jahrhundertealte Tradition der Porträtmalerei,
die Fotografie und die
künstliche Intelligenz des 21. Jahrhunderts.

Das Ergebnis soll dabei keineswegs behaupten, ein historisches Original oder ein tatsächlich von einem Maler geschaffenes Werk zu sein. Gerade die klare Kennzeichnung als KI-generierte Darstellung auf Grundlage einer Fotografie ist wichtig.

Interessant ist vielmehr der Vergleich.
Nun stehen sich das tatsächlich vorhandene Porträt aus dem Rathaussitzungssaal und die 2026 entstandene KI-Interpretation im Auftrag von Karl Piaty sen. gegenüber.

Und damit soll auch gar nicht vorgegeben werden, welches Bild das „bessere“ ist.
Das kann und soll jeder Betrachter selbst entscheiden:

Auf welchem Bild erkennt man Wolfgang Sobotka leichter?
Welches vermittelt stärker den Eindruck einer traditionellen Ahnengalerie?
Und welches Bild wirkt auf den persönlichen Betrachter sympathischer und lebensnäher?

Vielleicht liegt gerade darin der historische Reiz dieses kleinen Experiments.

Denn seit der Antike hat sich die Technik der Darstellung immer wieder verändert –
von Stein und Bronze über Pinsel und Leinwand zur Fotografie und schließlich zur künstlichen Intelligenz.

Der Wunsch dahinter ist jedoch erstaunlich gleich geblieben:
Das Gesicht eines Menschen für die Nachwelt festzuhalten.

Hier nun die beiden Bilder zum Vergleich:
Links das Bild aus dem Sitzungssaal im Rathaus Waidhofen / Ybbs
rechts die KI Version nach einem Originalbild von Karl Piaty sen.

Hier ein Ausschnitt der Bürgermeisterbilder aus dem Sitzungssaal:

Ein Nachsatz – das Gesicht ist mehr als ein Foto

Letztlich ist aber gar nicht entscheidend, welches der beiden Bilder den Betrachtern besser gefällt. Besonders interessant wäre vielmehr die Meinung des Porträtierten selbst. Wolfgang Sobotka war in vielen Bereichen für neue Formen und Entwicklungen offen. Ob er allerdings auch die künstliche Intelligenz an sein eigenes Porträt heranlassen würde, kann nur er selbst beantworten.

Sein Bild für die Ahnengalerie des Parlaments sorgt derzeit für mediale Diskussionen. Dass dabei kein klassisches Ölgemälde, sondern eine Porträtfotografie vorgesehen ist, kann durchaus als zeitgemäße Weiterentwicklung einer jahrhundertealten Tradition gesehen werden. https://www.diepresse.com/41275754/sobotka-laesst-sich-von-erwin-wurm-im-parlament-verewigen?utm_source=chatgpt.com Doch auch die Fotografie löst ein altes Problem der Porträtmalerei nicht automatisch.

Denn unser Gesicht ist ein erstaunlich kompliziertes „Instrument“.
Mehr als 20 mimische Muskeln können Stirn, Augenbrauen, Augenlider, Nase, Wangen und Mund verändern. Gesteuert werden viele dieser Bewegungen über den Gesichtsnerv, den Nervus facialis.
Dabei genügen oft winzige Veränderungen: Ein Mundwinkel hebt sich etwas, die Augen werden geringfügig schmäler, die Stirn spannt sich – und innerhalb eines Augenblicks wirkt dasselbe Gesicht freundlich, ernst, nachdenklich, angespannt oder distanziert.

Genau deshalb ist auch die Arbeit eines guten Porträtfotografen schwieriger, als einfach nur auf den Auslöser zu drücken.

Eine Kamera kann ein Gesicht in einem Tausendstel einer Sekunde festhalten – aber sie muss genau jenes Tausendstel erwischen, in dem der Mensch auch wirklich wie er selbst aussieht.

Bei einem gestellten Porträt kommt noch etwas hinzu: Sobald ein Mensch weiß, dass er fotografiert wird, verändert sich häufig unbewusst seine Mimik. Man „setzt ein Gesicht auf“. Gerade der vertraute Ausdruck, an dem Freunde und Bekannte einen Menschen sofort erkennen, kann dadurch für einen kurzen Augenblick verschwinden.

Vielleicht liegt genau hier eine interessante Möglichkeit der neuen Technik. Eine ungestellte Fotografie kann jenen natürlichen Augenblick liefern, den weder Maler noch Porträtfotograf beliebig herbeiführen können. Die KI wiederum kann diesen Augenblick in die Bildsprache einer historischen Ahnengalerie übertragen.

Ob daraus tatsächlich ein überzeugendes Porträt entsteht, entscheidet letztlich nicht die Zahl der Pixel, nicht der Pinsel – und auch nicht die künstliche Intelligenz.

Entscheidend bleibt eine uralte Frage der Porträtkunst:
Schaut uns aus dem Bild tatsächlich jener Mensch entgegen, den wir kennen?

Und wie immer würde der Kulturkreis Freisingerberg das Originalbild in hoher Auflösung selbstverständlich und kostenlos zur Verfügung stellen.

Karl Piaty sen. ist überzeugt, Wolfgang Sobotka damals in einem besonders glücklichen und natürlichen Augenblick fotografiert zu haben. Die Aufnahme entstand nach einer Wanderung durch die Ötschergräben – vielleicht erinnert er sich selbst noch an diesen schönen Tag und an die Umstände, in der das Foto aufgenommen wurde.

Gerade deshalb wurde dieses Bild für das kleine KI-Experiment ausgewählt: nicht, um Wolfgang Sobotka zu verändern oder gar zu karikieren, sondern um einen sympathischen, ungestellten Augenblick in die traditionelle Bildsprache einer historischen Ahnengalerie zu übertragen.

Und eines soll ausdrücklich festgehalten werden: Entscheidend ist letztlich, wie Wolfgang Sobotka selbst diese Darstellung empfindet. Sollte ihm die KI-Version seines Porträts nicht gefallen oder sollte er sich darin nicht wiederfinden, wird dieser Blogbeitrag selbstverständlich umgehend wieder entfernt.

Denn bei aller Freude an neuen technischen Möglichkeiten sollte eines auch im Zeitalter der künstlichen Intelligenz selbstverständlich bleiben: Der Respekt vor dem Menschen, dessen Gesicht im Mittelpunkt steht.

Wie steht der Kulturkreis Freisingerberg zur „Künstlichen Intelligenz“?

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